Rubriken:

Feldarbeiten

Häuser

Handwerk

Milch

Mundart

Redensart


Weiterführende Verlinkung:

Mundart: Lexikon


Mündersbacher Mundart, " Su schwätzen mir en Mönnerschbisch"

Aus den Kindheitserinnerungen "Oos Welt - dumols" .
von † Robert Lotz, Lehrer

 

Etwas über die Sprache der Mündersbacher,

Jeder weiß das es die Westerwälder Mundart nicht gibt, denn jeder Ort hat seine speziellen sprachlichen Eigenheiten. Inzwischen sieht es so aus, als seien auch diese örtlichen Mundarten im Aussterben begriffen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Heimatkundler mögen den Verlust bedauern. Selbst wenn der Verfall sich durch gezielte Pflege in Gruppen, Vereinen und Verbänden hinauszögern ließe, auf die Dauer wird man ihn nicht aufhalten können.
Für Kulturgeschichte, Sprachforschung, insbesondere die Etymologie (befasst sich mit dem Ursprung und der Geschichte der Worte und Wortfamilien), sowie für die Siedlungs- und Entwicklungsgeschichte sind die Mundarten jedoch stets eine unverzichtbare Quelle gewesen, deren Tiefe bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückreicht, in eine Zeit, aus der uns keine schriftlichen Zeugnisse überliefert sind. Für eine ganze Reihe von Wissenschaften wird das Versiegen der mundartlichen Quellen also einen herben Verlust darstellen. So kommt dem folgenden Kapitel neben einem zweifellos interessanten Unterhaltungswert eine durchaus ernste Bedeutung zu.

In meiner Jugend gab es im Dorf kaum ein Dutzend Leute, die "der Schrift noh schwätzten". Wer hochdeutsch redete, kam in der Regel aus der Stadt, d. h. von weit her und hatte den Ruch der "Besseren Leute". Sich mit ihnen im ungewohnten Hochdeutsch zu unterhalten, war für den Einheimischen anstrengend, obwohl man sich dabei nur zur Hälfte "fürnehmer" Worte bediente. Meist war es ein Kauderwelsch, das in Mündersbach einst spöttisch als "Hochdeutsch mit Striemen" bezeichnet wurde.

Auf dem Schulhof hingegen waren hochdeutsche Worte selten. Allenfalls Lehrers- und Försterskinder konnten es sich leisten, "fürnehm" zu reden, aber selbst die verfielen im Laufe der Zeit in die Niederungen des "Halbdeutschen".

Lustig war es, Kleinkindern zuzuhören, die von Hause her noch ganz der Mundart verhaftet waren, wenn sie "feine Leute" spielten und sich "hochteutsch" unterhielten. "Tann kachte tie Melsch üpa unt tas Kint tat so tügges Stimmen machen, taß man nischt ans Pügeln kam". Die Überbetonung von "t" und "p" zeigt indessen, daß den Kindern die schlaffe Aussprache dieser Laute bei den Erwachsenen aufgefallen war.

Die Mündersbacher Mundart ist in ihrer Grundstruktur dem moselfränkischen Sprachraum zuzuordnen, ist aber stark von benachbarten rheinischen Elementen durchsetzt, wie auch ein ungeübtes Ohr leicht bemerken kann, wenn es "Kölsche" Laute vernimmt: "Koochen", "Döppen", "Fööß", "Pänz", "Jöngelschen", "verstohn" klingen uns sehr vertraut. Weniger auffällig sind die nachbarlichen Einflüsse aus Hessen und Westfalen.

Die Einbürgerung von Fremdwörtern in die Mundart und deren unqualifizierte Aussprache löst bei dem Sachkundigen oft Heiterkeit aus wegen der seltsamen Verbalhornungen. So kam z. B. während der amerikanischen Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg das englische "motorcycle" für Motorrad in Umlauf, das sich in Mündersbach zum "Morasäckel" für den Beiwagen mauserte.

Nicht wieder zu erkennen sind auch viele französische Ausdrücke, die vorwiegend in der napoleonischen Zeit hier Fuß gefasst haben und zum Teil später einen Bedeutungswandel erfuhren:

 

Mundart französisch hiesige Bedeutung
allee schwinn allez suite los, schnell
räsenieren raison erregt und abfällig reden
schwadronieren escadron laut, viel unüberlegt reden
Fisaasch visage abfällig für Gesicht
Affegoot advocat Rechtsanwalt
driwwelieren travailler antreiben, nötigen
Kurasch courage Mut
redur retour zurück, rückwärts
üwwatuat tour überanstrengt
Scheeß chaise altmodisches Fahrzeug
Kamesol camisole blaue Arbeitsjacke
veragedeeren accorder vereinbaren,Vertrag schließen
veralmedeeren alimenter ernähren, versorgen
Schabellchen javelle Schemel
Schlótten echalotte Pflanzenblatt der Zwiebel
Dippo depöt Gefängnis
beduppeln duper täuschen, betrügen
Mann manne Korb mit zwei Henkeln
Deetz tete Kopf

 

Es ist recht amüsant, die französische Bedeutung im Wörterbuch nachzuschlagen. Gleiches gilt für Begriffe, die aus dem Lateinischen stammen, heute aber kaum noch gebräuchlich sind:

 

Mundart lateinisch  hiersige Bedeutung
ästamieren aestimare beachten
kaptelieren capitulare länger dienen (beim Militär)
rungenieren ruina zerstören, zugrunde richten
seggedieren secundare sich erwehren, durchsetzen

 

Hier sei auch noch auf einige Besonderheiten in Mündersbach verwiesen, die dem Fremden besonders auffallen, weil sie vom Hochdeutschen so sehr abweichen, dass sie das Verstehen der Mundart besonders erschweren.

Da sind z. B. die Endungen auf "-er", die in ein "-a" verfallen: Meter wird zu Meda, Feuer zu Faua, Muster zu Mosda, Wasser zu Wassa, Tochter zu Doochda. Noch irritierender aber ist der Wandel vieler (nicht aller!) "-ter"- bzw "-der"-Endungen zu "-ra": Futter wird zu Foora, Butter hingegen zu Bodda, aber Gewitter wird zu Gewirra, Bruder zu Broora, Mutter zu Moora, Vater zu Vorra, Kater zu Korra, Feder zu Fèrra, Puderbach zu Porra­bach, Bretter zu Breera, Lieder zu Liera, Wetter zu Wérra, wieder wird ebenfalls zu wérra. Auch im Wortinnern wandelt sich oft das d oder t zum r: Braten zu brooren, raten zu rooren, schneiden zu schnäiren, Rote Rüben zu rure Röwen, Totenhof zu Durenhof Vorderwiese zu Vórrawiß.

Merkwürdigerweise hat sich im nahen Roßbach und in den westlich benachbarten Dörfern eine   vergleichbare Variante herausgebildet,  bei der sich in den zuletztgenannten Beispielen das "r" zum "l" wandelt, was den Roßbachern die Spott-Redensart eintrug, sie gingen no Póllabach Lella hollen". Würden die Mündersbacher sagen: Oos Korra hät ald werra en det Foora getreren", dann lautete das in Roßbach: „Oos Kolla hät ald willa en det Foola getrelen".

Ein weiterer Unterschied zu Roßbach liegt in manchen äu­Lauten: In Mündersbach sagt man: Höüsa, Möüsjen, Köüs (dicker Brotkanten), Löüs und Schöüsel; in Roßbach hingegen: Häisa, Mäisjen, Käis, Läis und Schäisel.

In Mündersbach erscheint oft anstelle eines "o" oder "u" ein "a": gemarjen (von "Guten Morgen"), vadarwen, gestarwen, sarjen (von sorgen, besorgen), Karf, Darf, Kapp (von Kopf), Knapp (von Knopf), rabben (von rupfen), Schapp (von Schuppen).

Noch viele andere Umlautungen ließen sich anmerken, wie "b" zu "f`": Korb - Karf, Kalb - Kalf, halb - half, oder "b" zu "w": heben - hewen, Kälber - Kälwa, selber - selwa, aber - a(u)wa. Sie alle hier aufzuführen, würde den Rahmen dieses Kapitels sprengen.

Nur noch auf die Eigenart, in manchen Wörtern den ä-Laut zu einem breiten "ä-a" herunterzuziehen, sei hingewiesen, weil mit dieser Besonderheit die Mündersbacher in entsprechender Übertreibung oft gehänselt werden. Es hört sich wahrlich nicht gerade lieblich an, wenn aus dem Rechen ein "Räachen", aus stechen ein "stäachen", aus verstecken ein "vastäachen", aus versprechen ein "vaspräachen" wird, wobei das "ch" zu allem Übel auch noch wie bei "ach" ausgesprochen wird. Selbst ohne das "ch" ist die Abwandlung von essen zu "äaßen", lecken zu "läaken", dreckig zu "dräakelich" und Messer zu "Mäaß" bzw. "Mäaßa" kein Ohrenschmaus.

Auf die Schreibweise bzw. Lesart von Mundarttexten ist schon manche Mühe verwendet worden, ohne dass sie zu einer befriedigenden Praktik geführt hätte. Um der Sache gerecht zu werden, müsste man auf die internationale Lautschrift zurückgreifen. Die würde jedoch ein fließendes Lesen arg behindern. Deshalb habe ich mich für eine annähernde Schreibweise in den Buchstaben des normalen Alphabetes entschieden und einige Vokalbesonderheiten gekennzeichnet.

Die Mündersbacher Mundart kennt nämlich Ä-, E-, O-, Ö- und Ü­Laute, die mit herkömmlichen Rechtschreibregeln nicht darzustellen sind, weil sie so im Hochdeutschen nicht vorkommen. Für den Leser, der des "Mündersbacherischen" nicht mächtig ist, seien deshalb Hilfen mit Akzentzeichen bzw. mit Unterstreichung gegeben:


Mundartwörter (Aussprachehinweise)

ä = tiefes ä wie in "Stärke", zuweilen aber auch in der Dehnung z.B. "Bähn" (Beine);

ö = tiefes ö wie in "Löcher", auch in der Dehnung, z.B. "Höhner" (Hühner);

o = tiefes o wie in "Sonne", in der Dehnung, z.B. "Hohn" (Huhn);

ó = hohes o wie in "Sohn", gelegentlich auch in der Schärfung,z.B. in

"Tóffeln" (Kartoffeln);

é = helles e wie in "Tee", auch in der Schärfung, z.B. "Bétz", "èll".